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Warum nicht ein Stück Uni bauen?

Warum nicht ein Stück Uni bauen?
Foto: Friderike Lehmann

Im Streit darüber, was mit der Brache an der Stadtpromenade werden soll, scheint jeder Vorschlag schon gemacht. Einer ist neu.

von Christine Keilholz

Die Brache an der Stadtpromenade ist ein gewohntes Ärgernis in Cottbus. In bester Lage mitten in der Innenstadt rotten 6.000 Quadratmeter Abrissreste vor sich hin. Was daraus werden soll, wird gerade wieder neu diskutiert. Zu all den lange bekannten Ideen kommt nun ein neuer Vorschlag aus Richtung Universität.

„Ich würde dort irgendwas machen, was eine hohe Frequenz von Leuten bringt, die in der Stadt zu tun haben und dann auch noch als Kunden zur Verfügung stehen“, sagt Stadtmanagement-Professorin Silke Weidner. Ihr Vorschlag: Forschungsinstitute auf der Brache ansiedeln. Damit kämen junge Leute und ein Hauch Campusatmosphäre zwischen Wohnblöcke und Blechen-Carré. „Dann hat man die Frequenz durch Leute, die dort arbeiten, und hat den Raum sinnvoll gefüllt.“

Bislang standen vor allem Einkaufsmöglichkeiten oder Wohnungen zur Diskussion. Darüber streiten Stadtverwaltung und Eigentümer seit Langem ergebnislos hin und her, ohne dass sich etwas getan hätte. Derweil wünschen sich viele Cottbuserinnen und Cottbuser eine Grünfläche.

Wissenschaftler füllen die Leere und kaufen ein


Silke Weidners Idee reagiert auf die Veränderungen in der Stadt. Mit dem Kohleausstieg siedeln sich neue Forschungseinrichtungen in Cottbus an. Gründungen wie das  Fraunhofer-Institut für Energie-Infrastrukturen, das Institut für CO2-arme Industrieprozesse des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt oder das Center for Hybrid Electric Systems Cottbus (Chesco) der BTU sollen in einigen Jahren zusammen um die 2.000 Mitarbeiter beschäftigen. Einige dieser Institute suchen noch nach guten Adressen. Auf dem Campus wird es längst eng. Es wäre ein Fehler, diese Einrichtungen an den Stadtrand zu verpflanzen, meint Professorin Weidner. Warum also nicht mittenrein in die Innenstadt?

Seit Jahren schon ist die Fläche für niemanden nutzbar. Eine Chronik, die die Bürgerinitiative „Stadtpromenade für alle“ zusammengestellt hat, zeigt, dass in den vergangenen 15 Jahren nichts als Naturkräfte an der Brache wirkten.

Durch den Zaun sind die Kellerreste der Einkaufspavillons zu sehen, die dort zu DDR-Zeiten standen. Die Leere regt die Fantasie an, was an dieser Stelle Tolles möglich wäre. Das haben wir euch gefragt. Die 58 Antworten unserer kleinen Umfrage sind zwar nicht repräsentativ, aber sie zeigen: Ideen sind da.

Milch-Mokka-Eisbar? Kommt nicht wieder


Eine klare Mehrheit gibt es nicht, aber einen Favoriten: Ein Großteil unserer Umfrageteilnehmer wünscht sich etwas Grünes an diese Stelle, etwa eine Liegewiese. „Städtischer Raum sollte einen Mehrwert für alle bieten“, schreibt jemand aus unserer Community, „ein Café, Kiosk oder Ähnliches würde zudem einladen, im Sommer dort gerne Zeit zu verbringen.“ Ein anderer Teilnehmer schreibt: „Wäre wieder ein toller aufgelockerter Kontrast zur Shopping Mall gegenüber und würde Einzelhändler unterstützen.“ Der Zeitgeist, der nicht zuletzt auch durch die Corona-Pandemie in Cottbus eingezogen ist, spiegelt sich hier wieder. Öffentlicher Raum soll Menschen wieder zusammenbringen.

Manch älterer Cottbuser trauert noch der Mokka-Milch-Eisbar „Sternchen“ nach. „Früher gab es dort kleine Pavillons, die unterschiedlich tags und nachts bespielt wurden“, schreibt ein Teilnehmer unserer Umfrage. Das Sternchen endete als verwahrloster Leerstand und musste abgerissen werden.

Läden können sich die meisten unserer Befragten nicht auf der Brache vorstellen. Wir bekamen Antworten wie: „Shopping-Tempel sind an sich zunehmend obsolet und in Cottbus ausreichend vorhanden.“  Das sieht der Eigentümer des Areals offenbar ebenso. Das Unternehmen EKZ Stadtpromenade hatte ursprünglich geplant, ein Einkaufszentrum mit 6.500 Quadratmetern Verkaufsfläche für 18,5 Millionen Euro zu bauen. Mittlerweile präferiert EKZ einen Komplex aus Wohntürmen und Läden. Doch damit fremdelt die Stadtverwaltung.

Gut so, meint Professorin Weidner von der BTU Cottbus. Sie sagt: „Wir sehen in der Pandemie, dass es Zeit ist auszubrechen aus der Monostruktur, die wir über Jahrzehnte aufgebaut haben. Ganze Städte auf das Einkaufen hin auszurichten, hat ja nicht funktioniert.“

Wohnungen? Nicht ausgerechnet hier


Mehr gefragt ist dagegen schon Wohnraum. In Cottbus deutet sich neues Wachstum an. Die Stadt ist mit Kohleausstieg und Strukturwandel interessant geworden und dadurch ins Blickfeld von Investoren geraten – und von Berlinern, die keine Lust mehr haben, in Friedrichshain horrende Mieten zu zahlen. Die Pendlerzüge zwischen der Hauptstadt und der Lausitz-Metropole füllen sich zusehends.

So verändert sich auch das Gesicht der Cottbuser Innenstadt: in lange klaffenden Baulücken ragen nun neue weiße Wohntürme auf. Mieten von mehr als zehn Euro pro Quadratmeter sind bereits keine Seltenheit mehr – damit spielt Cottbus in einer Liga mit Erfurt oder Magdeburg. Doch von Wohnungsnot kann längst keine Rede sein. In unserer kleinen Umfrage wünscht sich auch nur jeder sechste Wohnungen auf dem Gelände.

Bisher nichts passiert? Ein Glück


Lücken wie die Cottbuser Stadtbrache sind typisch für ostdeutsche Großstädte: Dresden hat sein Wiener Loch am Hauptbahnhof, Leipzig hatte lange das Burgplatz-Loch hinterm Neuen Rathaus. Diese Löcher stammen aus den frühen 90er Jahren – und ihre Geschichten sind ähnlich. Es sind Relikte aus der Zeit nach der Wiedervereinigung, als sich Immobilienfirmen solche zentralen Grundstücke sicherten, um irgendwann etwas damit zu machen. Wurde nur nichts daraus – und auch das ist typisch. Manche dieser Brachen gingen von Besitzer zu Besitzer und wurden zunehmend zu städtischen Ärgernissen.

Silke Weidner von der BTU sieht das als Vorteil: „Für manche Städte hat das Charme, dass sie etwas verpasst haben, was nicht nachhaltig gewesen wäre. Dann kann man jetzt die Chance nutzen, etwas Gutes draus zu machen“, sagt sie. Man müsse jetzt reinhören in die Bevölkerung, sagt sie. Das bringe neue Möglichkeiten ins Spiel, an die vor zehn, zwanzig Jahren noch niemand gedacht habe.

Eine beliebte Idee aus unserer Umfrage ist etwa: ein Wahrzeichen. Etwas, das Touristen anlocken könnte. Etwas, das vielleicht „eine Verbindung zwischen der Vergangenheit (Wohnscheibe) und der Zukunft (Blechen Carré) schaffen kann“, schlägt jemand vor. Was könnte das sein? Da sind neue Ideen gefragt.