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Neue Freunde für die Sorben

Neue Freunde für die Sorben
Foto: Pixabay

Deutschlands Städte fragen sich, was sie tun können, um mit geflüchteten Ukrainern ins Gespräch zu kommen. Cottbus hat dabei einen Vorteil: Hier spricht man sorbisch.

von Christine Keilholz

An alle, die beim Blick aufs Cottbuser Ortsschild denken: „Das ist aber nett, dass die ihren Namen gleich noch auf polnisch hinschreiben!“, will ich einmal was klarstellen: Nein, „Chóśebuz“ ist nicht polnisch, sondern niedersorbisch. So spricht man hier. Cottbus ist die Hauptstadt der Niedersorben. Hier gibt es sorbische Schulen, Museen, Vereine und Kulturzentren. Die könnten nun zu Anlaufstellen für ukrainische Flüchtlinge werden. Denn beide Sprachen sind ähnlich. Das ist gut für die Ukrainerinnen und Ukrainer – aber auch für die Sorben. Auch sie können vom Austausch mit einer verwandten Sprache profitieren.

„Hast Du Kummer oder Sorben“, so lautet ein beliebter Lausitzer Politikerspruch, mit dem sich kein Politiker je zitieren ließe; so ein Satz hat das Potential, eine Karriere zu beenden. Der Spruch heißt übersetzt: Sei stets höflich und zuvorkommend zu den Sorben, äußere Verständnis für ihre Belange und versäume bei keinem Volksfestauftritt, den Vertreter der sorbischen Volksgruppe persönlich zu begrüßen. Woraus sich erkennen lässt: Die Sorben haben es im Allgemeinen nicht leicht.

Keine sorbische Kim Kardashian

Es ist schwierig genug, die einzige slawische Minderheit in Deutschland zu sein. Dann auch noch im Osten von Brandenburg und Sachsen, wo die Dörfer verstreut liegen und dazwischen Tagebaue. Unter diesen Bedingungen lässt sich nur mit großen Mühen eine Sprache am Leben halten, die noch höchstens 20.000 Menschen sprechen. Die Kultur der Sorben in Sachsen und der Wenden in Brandenburg droht, zu einer verschwindenden Erscheinung zu werden.

Das hat damit zu tun, dass es eine ländliche Kultur ist. An die Popkultur kann das Sorbische kaum andocken. Die Trachten sind tischdeckenhaft, die Zylinder, die die Sorben tragen, wirken aus der Zeit gefallen. Wer sich ein Bild machen möchte, findet es hier. Sie bemalen die wunderschönsten Ostereier der Welt, aber die sind nach Ostern gegessen.

Die Sorben sind Katholiken, keine Revoluzzer. So hat es 1500 Jahre gedauert, bis mal einer an die Macht kam (Der Mann hieß Stanislaw Tillich und war von 2008 bis 2017 Ministerpräsident in Sachsen.). Dann hört es auch schon auf mit den berühmten Söhnen und Töchtern. Die Sorben haben keinen James Bond hervorgebracht (wie die Schotten) und keine Kim Kardashian (wie die Armenier). Aber es gab Leńka Šołćina-Winarjec, die ihres Gesanges wegen die „sorbische Nachtigall“ genannt wurde. Das sei hier erwähnt, weil es auf das Grundproblem verweist: Sorbisch sein ist nicht wirklich cool.

150 Dörfer vom Tagebau geschluckt

Das Sorbische stand für die arme Landbevölkerung, die in Dörfern wie Rohne, Schleife oder Panschwitz-Kuckau quasi hinterm Mond lebten, während Einwanderer aus anderen Teilen Deutschlands in den Textilfabriken, Glashütten und Kohlegruben ein Wirtschaftswunder produzierten. Als dann die Tagebaue immer mehr Land fraßen, mussten die Sorben erfahren, wie verzichtbar ihre Lebensweise angesichts des allgemeinen Wohlstandsinteresses eingeschätzt wurde. 150 Dörfer verschwanden im großen Nichts der Tagebaue. Das wäre noch heute so, hätte nicht die Klimapolitik dem sorglosen Abbaggern ein Ende bereitet.

Trotzdem sind die Folgen des Exodus aus den Dörfern noch zu spüren. In den Plattenbauten von Cottbus, Forst und Weißwasser, wo die Umgesiedelten neuen Wohnraum fanden, verkümmerte die Sprache. Es blieben einfach zu wenige beisammen, um das Sorbische im Alltag lebendig zu halten. Auch die Familiennamen wurden bis zur Unkenntlichkeit eingedeutscht. Schon die Nationalsozialisten hatten keine Lust auf sichtbare sorbische Identität mitten im Reich. Und benannten Dörfer wie Dobry Wotšow einfach um in „Freienhufen“ mit rollendem RRR. Frrreienhufen heißt übrigens heute noch so.

Sorbische Schulen für ukrainische Kinder

So viel zur traurigen Geschichte der Obersorben, Niedersorben oder auch Wenden. Damit wieder zurück in die hoffnungsvolle Gegenwart. Denn jetzt kommen Tausende Menschen nach Cottbus, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen. Sie treffen auf eine sorbische Gemeinschaft, die schon viel selbstbewusster geworden ist: In der Lausitz wird an 25 Grundschulen und etlichen weiterführenden Schulen sorbischer Unterricht angeboten. Am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus ist der sorbische Unterricht obligatorisch. Es gibt eine sorbische Zeitung und der öffentlich rechtliche Rundfunk macht auch sorbisches Programm.

Das sind beste Voraussetzungen für die Integration, sagt Eduard Werner, Professor für Sorabistik an der Universität Leipzig. „In jedem Fall steht Ukrainisch dem Sorbischen viel näher als beispielsweise Russisch.“ Natürlich seien Leute, die bereits eine slawische Sprache sprechen, besser geeignet für das Unterrichten von Flüchtlingskindern aus der Ukraine, als andere. „Sie sind auch in der Lage, sich viel schneller Ukrainischkenntnisse anzueignen.“ Umgekehrt bedeutet das natürlich auch, dass Ukrainer die sorbische Sprache bereichern können. Allein dadurch, dass diese bedrohte, uralte Sprache Gelegenheit bekommt, wieder gesprochen zu werden.