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Wie zwei Stadtplanerinnen mehr Subkultur nach Cottbus bringen wollen

Wie zwei Stadtplanerinnen mehr Subkultur nach Cottbus bringen wollen
Koordinieren gemeinsam das PIT: Stephanie Scheu & Yasmin Jouni | Foto: PIT Cottbus

Cottbus wird für fünf Tage zum Treffpunkt der Stadtplaner-Avantgarde. 150 kreative Jung-Experten wollen beim “Planer:innentreffen” schaffen, was bisher nicht gelungen ist: Mehr Alternativ-Kultur aufblühen lassen.

Von Christine Keilholz

Yasmin Jouni ist 27 und will Cottbus zu einer cooleren Stadt machen. Dafür muss man gar nicht so viel Neues machen, findet die Stadtplanerin. Vieles ist ja schon da, man muss es nur den richtigen Leuten zeigen. Dafür hat Yasmin Jouni zusammen mit ihren Mitstreitern von der BTU das diesjährige „Planer:innentreffen“  – kurz PIT  – nach Cottbus geholt. Hinter dem sachlichen Titel verbirgt sich ein Festival der Architektur. Nächste Woche geht es los: Fünf Tage lang wird die Avantgarde der Stadtplanung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Cottbus weilen – 150 Menschen, die sich mit der Frage befassen, was es braucht, um die Stadt lebenswert zu gestalten. Und was dafür gebaut werden müsste.

Der Fachbereich Architektur und Städtebau an der BTU in Cottbus ist angesehen, weit über die Lausitz hinaus. Yasmin Jouni hat auf dem Campus ihre Studienjahre verbracht. Studiert hat sie Architektur, zurzeit schreibt sie ihre Masterarbeit in Stadt- und Raumplanung. „Mich interessieren die größeren Strukturen“, sagt sie. Und so soll es beim “PIT” auch längst nicht nur ums Bauen gehen. Das Cottbuser Festival steht unter dem Motto “Für Kunst und Kultur!” Die Planerinnen wollen die in Cottbus erlebbare Kultur in ganzer Bandbreite zeigen. „Es gibt ein offizielles Profil, dazu gehören das Staatstheater und Fürst Pückler“, sagt sie. „Wir wollen zeigen, dass es auch andere Themen gibt, die die Stadt voranbringen können.“

Sie wollen das Scheinwerferlicht in die “Kulturnischen” lenken, die Cottbus zu bieten hat: Alternative Musikkultur, Clubs oder sorbische Kultur. Im Festivalprogramm stehen Highlights wie eine Exkursion zum Weinberg im Tagebau oder zum Kornspeicher am Hauptbahnhof, einem beliebten Kreativzentrum.

Cottbus kann Kultur

Die Stadt hat nicht gerade einen Ruf als Kulturmetropole. Im ostdeutschen Vergleich steht Cottbus da eindeutig im Schatten von Dresden, Potsdam und, klar, Berlin. Cottbus ist geprägt von Industrie; es ist eine Stadt der rauchenden Schlote. Anderswo würden die alten Fabrikhallen sofort von Kreativen besetzt werden. In Cottbus passiert das nur langsam. So hat sich etwa vor 14 Jahren das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst im ehemaligen Dieselkraftwerk im Goethepark angesiedelt. Aber es gibt noch viele Frei- und Spielräume. Die Kreativen haben Cottbus noch nicht vollends für sich entdeckt. Wird Zeit dafür, meint Yasmin Jouni.

Als kreative Berlinerin weiß sie, was junge Leute wie sie suchen und brauchen. Das sind im Wesentlichen drei Dinge: Ruhe zum Arbeiten, Platz zum Ausbreiten und eine attraktive Subkultur zum Andocken. „Wir wollen die Stadt mal anders zeigen, neue Leute reinholen, damit parallele Strukturen entstehen.“

Dafür ist das Treffen der kreativen Jung-Planer nächste Woche ein guter Anfang. Mit dabei sind Studierende aus elf Hochschulen, etwa der Technischen Universität Berlin, der Bauhaus-Universität Weimar und der Ostschweizer Fachhochschule Rapperswil. Daneben sind Studierende aus Erfurt, Hamburg und Kassel dabei. Viele dieser Orte haben etwas gemeinsam: Sie wollen zeigen, dass sie neben gotischen Domen, kantigen Möbeln und konformistischer Nachkriegsarchitektur auch ein buntes, quirliges Szeneleben bieten können. Das noch quirliger sein kann, wenn sich noch mehr Leute dazugesellen. „Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, wie die ideale Stadt aussehen soll“, sagt Yasmin Jouni. Ihre Idealvorstellung von Cottbus: eine kleine Großstadt mit offenen Strukturen und Angeboten für alle Altersgruppen.

Cottbus ist ein Transitraum

Die Braunkohle, ihre Industrie, ihr Dreck und ihr Niedergang zieht sich durch viele Bereiche in der Stadt – und ist ein Teil ihrer Identität. Doch der Strukturwandel ist nicht das einzige, was Cottbus ausmacht – das wollen Yasmin Jouni und die anderen gastgebenden Planerinnen beim PIT deutlich machen.

Stephanie Scheu war schon an Bord, als das letzte Planerinnentreffen in Cottbus gastierte. Das war 2017 – was aus Cottbuser Sicht in eine andere Zeitrechnung gehört. Damals war noch kein Kohleausstieg beschlossen, es war noch kein Aufbruch der Lausitz in eine nachindustrielle Zukunft ausgerufen. Die vielen Forschungsinstitute, die inzwischen zur akademischen Infrastruktur der Region gehören, waren nicht einmal geplant. Stephanie Scheu ist 23 und ebenfalls Stadtplanerin. Strukturwandel ist in Cottbus der Bezugspunkt, der immer mitgedacht werden muss, sagt sie. „Letztendlich ist das der Ausgangspunkt, dass neue Impulse geschaffen werden müssen.“

Cottbus ist als Studienort beliebt. „Aber es ist auch ein Transitraum“, sagt Stephanie Scheu. Die Leute kommen zum Studieren, bleiben für fünf Jahre und gehen dann wieder. Das wird etwa an der Clubszene deutlich, die von Durchreisenden geprägt ist. Von Leuten, die mit Mitte 20 in die Stadt kommen, in den Kneipen kellnern und Clubs aufbauen. Wenn die Clubs erfolgreich sind, bleiben sie manchmal. Ein verbreitetes Phänomen in der Subkultur: Es entsteht eine Art Transitgesellschaft, die mit der Stammbevölkerung oft kaum Berührungspunkte hat. Es gibt die Uni-Bubble, die Club-Bubble – und dann den Rest der Stadt.

Auch Yasmin Jouni und Stephanie Scheu stehen für diesen Transit. Die beiden jungen Frauen sind zum Ende ihres Studiums wieder nach Berlin gezogen. Diese enge Verflechtung mit Berlin ist typisch für viele neuere Cottbuser Lebensläufe. „Die meisten unserer Professoren an der BTU haben ihre Büros in Berlin“, sagt Yasmin Jouni. Sie selbst arbeitet mittlerweile als Planerin in einem Büro in Adlershof. So schön Cottbus zum Studieren ist – so begrenzt ist eben die Auswahl an Jobperspektiven für Absolventen der Architektur. Trotzdem sind die beiden Stadtplanerinnen mit der Universität und der Stadt eng verbunden, wollen Kontakt halten und Dinge in Cottbus nach vorn bringen.