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Lakoma forever

Lakoma forever
Kämpft für Teiche und gegen den Ostsee: René Schuster

Der Ostsee soll Cottbus zur Stadt am Meer machen. Darin verschwindet ein Dorf, in dem einst die Jugend der Lausitz gegen die Kohleindustrie protestierte.

Von Christine Keilholz

Der Ostsee ist für Cottbus die Verheißung einer Zukunft am Meer. Für René Schuster bedeutet er das Ende einer tragischen Geschichte. Schuster ist mit dem Ostsee schicksalhaft verbunden. Wenn das Tagebaurestloch komplett geflutet ist – falls das überhaupt jemals gelingt –, dann wird ein Teil von Schusters Vergangenheit im Wasser versunken sein: der Ort Lakoma. Elf Jahre hat Schuster hier gelebt. Zusammen mit vielen anderen hat für das Dorf gekämpft, doch er konnte es nicht retten: Der Ort wurde geräumt und ausgelöscht.

Von den rund 150 Dörfern, die in der Lausitz der Braunkohle weichen mussten, war Lakoma eines der letzten. Es verschwand erst 2005 von der Landkarte. Bis zuletzt hatte man hier um den Erhalt von Häusern, Höfen und den Lakomaer Teichen gekämpft. Anfang der 1990er Jahre besetzten Aktivisten das Dorf im Norden von Cottbus; die Jugend der Lausitz rebellierte hier gegen das, was in der Lausitz bis dahin Usus war: dass Lebensraum vernichtet wird, um Futter für die Kohlekraftwerke aus der Tiefe zu baggern.

Es war die Mutter aller Umweltproteste im Osten der Nachwende-Zeit. René Schuster war damals dabei. In diesem Sommer will er die Mitstreiter von damals wieder zusammenbringen an Ort und Stelle – oder zumindest in der Nähe – für ein Fest, das an den jahrelangen Widerstand erinnern soll.

Copacabana am Tagebau

Schuster ist 47 Jahre alt und ein Sohn der Lausitz, den die Kohle zum Umweltaktivisten gemacht hat. Seine Jahre in Lakoma haben ihn an ein Netzwerk der Umweltbewegung und Anti-Kohle-Szene angedockt. Schon als Schüler in Hoyerswerda schloss er sich einer Umweltgruppe an. Heute ist er als Chef der Grünen Liga in Cottbus einer der lautesten Kritiker des Ostsee-Projekts. Ein Tagebauloch von 1.900 Hektar in einen gigantischen See zu verwandeln, hält er für Irrsinn.

Die Meinungen zum Ostsee gehen auseinander. Wir haben eine Umfrage gemacht und euch gefragt, was ihr von dem Projekt haltet. Von den 140 Cottbuserinnen und Cottbusern, die teilgenommen haben, finden 65,5 Prozent den geplanten Ostsee super. 23,7 Prozent sind skeptisch. Sie sehen hier ein neues Umweltproblem wachsen.

Schuster meint, die Stadt hätte sich mit dem Ostsee etwas als "Naherholungsparadies" andrehen lassen, was in Wahrheit schlicht die billigste aller möglichen Anschlussverwendungen der mondlandschaftsartigen Fläche sei. Für den Bergbau-Betreiber Leag sei es einfacher, die Wasserhähne aufzudrehen, als Erde ranzufahren und Bäume zu setzen oder ein Kleinod wie die Lakomaer Teiche wieder zusammenzuflicken.

Die Aussicht auf Meer macht dennoch viele Menschen glücklich. Man redet vom Wohnen am Wasser, hört schon die Möwen kreischen und sieht Leute in Badehosen und Bikinis flanieren – die Copacabana von Cottbus. Gemessen daran, dass das alles mal eine ausgehöhlte No-Go-Area war, wo es nichts gab als schwarzen Dreck, ist das eine steile Karriere. Schuster sagt, das wäre auch eine Nummer kleiner gegangen. Dafür hätte Lakoma überleben können.

Hippiekommune mit Milchschafen und Roggenbrot

Schuster ist genervt vom Ostsee. Immer wieder soll er dazu etwas sagen. Er hat keine Lust mehr, alles aufzuzählen, was gegen das Meer im ehemaligen Tagebau Cottbus Nord spricht: Das Wasser, das fehlt. Die abrutschenden Böschungen. Der Grund im Restloch, der nicht dicht genug ist, um 256 Millionen Kubikmeter Wasser zu tragen. Et cetera, et cetera. Schuster will lieber über die vielen anderen Umweltprobleme sprechen, die die Kohleindustrie in der Lausitz hinterlassen hat – den gestörten Wasserhaushalt, die Verockerung der Spree oder auch die drohende Versteppung der Lausitzer Landschaft.

Noch lieber spricht er aber über die Lakomaer Teiche, ein Flora-Fauna-Habitat, das weichen musste, obwohl dort Rotbauchunken und Rohrdommeln lebten. Mit Mitte 20 wohnte Schuster dort in der Nähe auf einem Hof. Er hatte Milchschafe und baute auf einem Acker Roggen an.

Lakoma war in der Zeit eine Art Hippiekommune. Dort war gelungen, was heute Tausende Dörfer verzweifelt versuchen: Es war ein Magnet für junge Leute geworden, die in alten Höfen neben alteingesessenen Nachbarn das Landleben neu erfanden. Im Mai 1992 besetzten sie das erste Haus. Ursprünglich sollte es eine Sommeraktion werden, doch dann merkten die jungen Idealisten, dass ein Sommer nicht reicht, um die Bagger fernzuhalten. Mehr Leute kamen dazu und Lakoma wurde eine feste Institution des Widerstands gegen die vereinten Kräfte von Landesregierung, Gewerkschaften und Kohle-Lobby.

Retten und verkauft werden

"Neusiedler" wurden Schuster und die Seinen genannt. Oder auch "Arbeitsplatzvernichter". Von allen Problemen, die die Lausitz damals hatte, rangierte die Umweltzerstörung eher unten. Weiter oben standen Strukturbruch, das Wegbrechen von Industrien, Massenentlassungen und Abwanderung. Kohle diente im Kollektivbewusstsein dem Erhalt von Arbeit. Opfer dafür mussten gebracht werden, Widerständler aus dem Weg geschoben und schützenswerte Teichlandschaften "beseitigt". Letzteres stand geschrieben im Planfeststellungsbeschluss. Das war die eine Seite.

Die andere war die einer soeben zerbrochenen DDR und die damit aufkeimende Hoffnung, Dörfer retten zu können, die schon auf der Zerstörungsliste standen. Die Lausitzer Bergbauindustrie war noch nicht privatisiert, die Treuhand verhandelte und verhandelte. Die Welt war auf eine faszinierende Weise ungeregelt. Da konnten Idealisten und Milchschafe noch Fakten schaffen, indem sie einfach da waren. Lakoma Mitte der 90er war quasi eine Freie Republik der Zukunft inmitten einer zunehmend hoffnungslosen Region. Helmut Kohl war ihr Held; der hatte 1990 beim Besuch in Cottbus versprochen, dass keine Dörfer mehr sterben müssten.

René Schuster fuhr unter der Woche zum Zivildienst, später zum Studium nach Eberswalde und hütete am Wochenende die Schafe in Lakoma. Ein bukolisches Idyll auf Zeit. "Uns war klar, wenn wir gewinnen, werden Grundstücke verkauft und wir werden sie uns nicht leisten können", sagt er. "Trotzdem haben wir für dieses Dorf gekämpft." Doch sie gewannen nicht.

Als der damalige Eigentümer, der Energiekonzern Vattenfall, am 1. Juli 2005 die ersten bewohnten Häuser abreißen ließ, hatte er die Landesregierung, die Bergbaubehörden und die Lausitzer Meinungsmehrheit auf seiner Seite. Schafe waren schön und gut. Jobs waren besser. René Schuster packte seine Sachen und suchte sich eine Wohnung in Cottbus.

Vorbild für neue Proteste

Die Kohle unter Lakoma reichte, um das Kraftwerk Jänschwalde zwei Jahre lang zu füttern: 42 Millionen Tonnen. "Zu dem Zeitpunkt wurde schon von Klimaschutz geredet, aber der spielte in den Entscheidungen keine Rolle." Inzwischen hat die Klimapolitik den Daumen über Jänschwalde gesenkt, Ende dieses Jahres wird der erste der sechs Kraftwerksblöcke endgültig abgeschaltet. Von denen, die in Lakoma wohnten und protestierten, war Schuster mit am längsten da.

Er sieht Lakoma als Lehrstück für Aktivisten von heute. Anders als bei heutigen Proteste gegen Autoverkehr oder Rodungen im Hambacher Forst seien die Veteranen von Lakoma politisch breiter aufgestellt gewesen. "Das war nicht so durchorganisiert. Wir waren Leute, die keine große Erfahrung hatten", sagt Schuster. Viele seiner Mitstreiter haben die Lausitz längst verlassen. Doch einige sind dem Kampf gegen die Kohle treu geblieben. Lakoma forever.