3 min read

Kommt da noch was?

Kommt da noch was?
Der Kanzler verrät: "Ja, da kommt noch was" | (c) Deutsche Bahn AG / Oliver Lang

Der Bundeskanzler hat in Cottbus vorbeigeschaut. Warum? Weil die Stadt ein ICE-Werk bekommt. Der Haken an der Sache: Die Strecke dazu wird erst in 15 Jahren fertig sein.

Von Christine Keilholz

Wolfgang Domeyer will mehr Zugverkehr. Der Chef der Cottbuser Greenpeace-Gruppe sieht Cottbus als Mittelpunkt vielversprechender neuer Achsen. Berlin, Dresden, sogar Prag – alles nur einen Steinwurf entfernt. Wenn, ja wenn, schnelle Züge fahren. Aber da hat Cottbus ein Problem. Die wirklich schnellen Züge machen um Cottbus einen Bogen. Kein ICE hält in der Boomtown. Um es in der Sprache des deutschen Schlagers zu sagen: Cottbus ist das Nirgendwo, wo kein Zug hinfährt.

Jetzt baut die Deutsche Bahn in Cottbus aber ein Instandhaltungswerk für ICE-Züge. Richtig gelesen: Ein ICE-Instandhaltungswerk neben dem Bahnhof, an dem noch kein einziger ICE hält. Und zwar nicht irgendein Instandhaltungswerk, sondern das modernste, das die Bahn bieten kann. Das modernste in ganz Europa.

Der Bundeskanzler zu Besuch in Cottbus

Zwei große Hallen sollen neben dem Bahnhof entstehen. Zum Spatenstich am vergangenen Dienstag kam hoher Besuch: Bundeskanzler Olaf Scholz, Bahnvorstand Richard Lutz und überhaupt alle, die in der ostdeutschen Wirtschaftspolitik und in der Lausitzer Manager-Szene etwas zu sagen haben.

„Das wahre Herz der Elektromobilität schlägt in Cottbus“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der DB. Das Instandhaltungswerk ist ein Leuchtturmprojekt im Strukturwandel. Die Lausitz will unabhängig werden vom Klimakiller Braunkohle, will aber trotzdem Industrieregion bleiben. Also muss neue Industrie her. Und die Bahn erklärte sich als serviceorientierter Staatskonzern gern bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten. Das alte Instandhaltungswerk mit über 100 Jahren Tradition wird ausgebaut als „Flaggschiff“ der Elektromobilität. Und das noch schneller als gedacht. Die Halle, für die am Dienstag der Spaten stach, soll nun schon 2024 einsatzbereit sein – zwei Jahre früher als ursprünglich geplant.

Wolfgang Domeyer staunt nicht schlecht. So schnell kann das gehen, wenn man etwas im Sinne der regionalen Entwicklung zur Priorität erklärt. Nachhaltige Mobilität – da ist Wolfgang Domeyer von Greenpeace sofort dafür. Züge und Kohleausstiegsszenarien sind seine Kernthemen. Als Bundeskanzler Scholz und Bahnvorstand Lutz ihre Ansprachen hielten, stand er mit seinem Pappschild dabei. Nicht etwa, weil er gegen das Bahnwerk wäre. Sondern weil es damit ja nicht enden dürfe. Es solle doch dann bitte auch die Zuganbindung schneller kommen, sagt Domeyer. Denn das könne man ja nun keinem erklären: Dass die wichtigste Bahnlinie, auf der dann auch ICEs fahren können, noch bis 2037 auf sich warten lassen soll. “Ausbau bis 2030”, stand auf Domeyers Schild.

Prag könnte so nah sein

Diese wichtigste aller Lausitzer Verkehrsadern soll von Berlin über Cottbus bis nach Görlitz führen. Domeyer und seine Mitstreiter vom Umweltnetzwerk Grüne Liga und vom ökologischen Verkehrsclub VCD Brandenburg sehen diese Bahnlinie im größeren Rahmen – als Teil der europäischen Vernetzung. Denn so gesehen wäre dann eine Direktverbindung bis nach Prag möglich, die zwischen Cottbus und Görlitz auf einem kurzen Stück durch Polen führt.

Diese Strecke finden alle irgendwie wichtig, deshalb schaffte sie es auch auf die Shortlist der allerdringendsten Strukturwandel-Projekte, die unbedingt und mit Ausrufezeichen umgesetzt werden sollen – und zwar bezahlt von der Bundesrepublik Deutschland. Kurzum: Die Strecke schaffte es in die Planung. Und da ist sie nun. Nach aktuellem Stand bleibt sie das auch bis zum Jahr 2037. Dann wird die Halle 2 des Bahn-Instandhaltungswerks schon elf Jahre alt sein. Elf Jahre, in denen die „modernsten Elektrotriebzüge“, die hier flott gemacht werden sollen, wahrscheinlich mit dem Pferdekarren herangezogen werden müssen. Ein bisschen seltsam ist das schon.

In einer Dreiviertelstunde von Cottbus nach Berlin

Aber es ist auch Teil des Plans. Brandenburg wollte und sollte als Ausgleich für den Kohleausstieg möglichst viel bekommen. Also das Bahnwerk, das 1.200 neue Jobs bringen soll, und die Bahnstrecke. Die clevere Idee war nun: Machen wir erstmal das Bahnwerk klar, dann wird die Strecke schon kommen. Denn das wäre ja albern: Ein ICE-Werk ohne ICE-Zufahrt. Das wäre wie ein Flaggschiff auf dem Trockenen. Oder wie eine Straßenbrücke ohne Straße – was es in Cottbus übrigens auch gibt.

„Viele stellen sich besorgt die Frage: ‚Kommt da noch was?‘“, sagte Kanzler Olaf Scholz beim Baustellenbesuch. Und gab die Antwort gleich selbst. „Ja, da kommt noch was.“ Scholz meinte freilich den Strukturwandel und die Stimmung in der Lausitz, die ja mit einem Gefühl des Abgehängtseins zu tun hat. Prima, meint Domeyer. Dann hängen wir die Region doch möglichst schnell dran. „In zwei Stunden von Cottbus nach Prag ist realistisch, wenn die Strecke zweispurig ausgebaut wird“, sagt Domeyer. „Das kann man mit dem Auto nicht erreichen.“

Erreichen kann Cottbus durch eine solche Strecke ein Mehr an Aufmerksamkeit. Wenn Züge fahren, kommen Menschen, um Jobs in Cottbus anzunehmen oder schöne Wochenenden an den Badeseen der Umgebung zu verbringen. Wenn der vor den Toren der Stadt liegende Ostsee dann mal fertig ist, dann kämen auch mehr Leute aus Berlin. „45 Minuten von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof“, sagt Wolfgang Domeyer, „da braucht man innerhalb von Berlin schon mehr.“

Aber der Blick geht weiter. Cottbus im europäischen Kontext. Schnelle Verbindungen nach Polen und Tschechien. Die drei Länder, die allesamt mit dem Kohleausstieg zu tun haben, könnten sich so enger zusammenspannen. Aber dann müsste die Bahn halt zeigen, dass sie nicht nur Hallen schneller hochziehen, sondern auch schneller Gleise verlegen kann.