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Der Gründerpapst von Cottbus

Der Gründerpapst von Cottbus
"Gründen ist nicht schlimm" - das möchte Marcel Linge vermitteln. |Foto: Friderike Lehmann

Marcel Linge ist so etwas wie der Gründerpapst von Cottbus. Er unterstützt kreative Leute dabei, ihre Geschäftsideen zu versilbern – und weiß, dass auch Scheitern wichtig ist.

von Christine Keilholz

Ein Ort, an dem neue Unternehmen geboren werden, muss ein lebendiger Ort sein. Der alte Cottbuser Güterbahnhof ist lebendig. Hinter einem Fenster sitzt ein Entertainment-Unternehmer, hinter dem anderen ein Verein. Unten bekommen Teenager Klavierunterricht bei Aglaja Sprengel, das Geklimper dringt als leiser Hintergrundsound bis in die obere Etage – ins Gründungszentrum zum Verein "Zukunft Lausitz". Hier ist Marcel Linge Chef. Er beschreibt seine Aufgabe so: "Wir sensibilisieren dafür, dass Gründen nicht schlimm ist. Dass auch das Scheitern dazugehört und dass das Risiko kalkulierbar ist."

Marcel Linge ist 46 und so etwas wie der Gründerpapst von Cottbus. Sein Verein berät kreative Leute, die ihre eigene Firma aufziehen wollen. Zu acht motivieren und unterstützen sie Gründer und Gründungswillige, bieten Workshops an, verfeinern Businesspläne, helfen bei Fördermittelanträgen, und so weiter. Linge selbst ist gelernter Grafiker und hat BWL studiert, außerdem war er Handballer und bis vor wenigen Jahren auch Trainer. Er sagt: "Ich verstehe etwas von Teamgeist." Den braucht man, um Cottbus zu dem zu machen, was es sein kann: Eine Stadt, in der gute Ideen umgesetzt werden und neue Geschäfte entstehen. Weg von Kohle und Staub.

Tech-Euphorie in Brandenburg

Geht es um Startups in Brandenburg, dreht sich gerade alles um Tech-Unternehmer, Wasserstoff-Pioniere und andere "Innovatoren". Die sollen das Image des Bundeslandes aufpolieren. Brandenburg hat sich aufgemacht, um Tech-Land zu werden. Das Land der brummigen Hobby-Angler (als das es sich in früheren Image-Kampagnen vorstellte) war gestern. Man will nicht länger im Schatten westdeutscher Ballungszentren stehen, man will so cool sein wie Berlin, so reich wie München, so weltläufig wie… Stuttgart vielleicht.

Dafür braucht man die Industriemagnaten von morgen. Brandenburg bemüht sich, bei allen Hype-Themen mitzumischen. Die nächste Wasserstoff-Tankstelle, der nächste Big-Batteriespeicher – soll alles in Brandenburg stehen. Da gerät die sympathische Biobäckerin schnell aus dem Blick, auch wenn die im eigenen Café 20 Mitarbeiter beschäftigt. Das Credo scheint zu sein: Groß ist gut, klein ist ganz nett.

Frisöre statt Wasserstoff-Pioniere

"Mir ist es wichtig, dass man jedem, der etwas machen will, zuhört", sagt Marcel Linge. Er ist aufgewachsen in Ortrand, einem dieser Industriestädtchen der Lausitz, die immer schon davon lebten, dass Menschen etwas wagen, damit Jobs und regionale Identität entstehen. 2006 übernahm Linge den Verein "Zukunft Lausitz", der damals vor dem Aus stand. "Ich dachte, wir sollten hier sowas haben", sagt er. Viele ‚mutige Menschen hat er in den vergangenen Jahren zu Unternehmerinnen und Unternehmern gemacht – zu Restaurant-Besitzern, Szene-Frisörinnen, Social-Media-Beraterinnen oder auch Beton-Entwicklern. Wasserstoff-Pioniere und Tech-Unternehmer waren weniger dabei.

Dass zwischen dem von Brandenburg propagierten Anspruch und dem realen Leben eine große Lücke klafft, wird allein jedes Mal sichtbar, wenn Elon Musk mal wieder in Grünheide landet und brandenburgische Minister in knittrigen Anzügen daneben stehen. Scheinbar soll die Tesla-Euphorie vergessen machen, dass Brandenburg mit früheren Hype-Investitionen baden ging – etwa mit der Rennstrecke Lausitzring, auf der nur noch selten Motoren heulen. Oder mit dem Cargolifter, einem Lastenluftschiff, aus dem nie etwas wurde und dessen Produktionshalle heute ein Tropenparadies ist.

Scheitern gehört dazu

Marcel Linge mag jene visionären Projekte trotz ihres Scheiterns  – oder deswegen erst recht. "Ohne den Cargolifter gäbe es kein Tropical Island", sagt er. Das Scheitern gehört für ihn zum Gründen dazu. Und nicht selten kommt aus einer tollen Idee am Ende etwas ganz anderes heraus. Wichtig sei aber, dass überhaupt mehr Startups entstehen. Brandenburg rangiert beim Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)  – den Berlin anführt – auf Platz 5.

In der Corona-Pandemie habe sich viel bewegt, erzählt Linge. Im Lockdown entstanden viele Geschäftsideen, die später in Gründer-Workshops ausgefeilt wurden. "Die Leute hatten Zeit, konnten sich mit Ideen befassen", sagt er. "Dazu kam natürlich auch die Unsicherheit, weil sie nicht wussten, wie es mit ihrem Job weitergeht." Mit seinem Verein hat Marcel Linge viele Gründerinnen und Gründer an den Start gebracht – Bäcker, Handwerker, Händler, Werbeleute. "Wir sollten jedem noch so kleinen Unternehmen den roten Teppich ausrollen."