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Das Wasser wird nicht reichen

Das Wasser wird nicht reichen
Der Ostsee in Cottbus – doch nur eine Utopie? | Foto: Jörg Peter Rademacher

Cottbus als Paradies am Meer – das ist das schönste Versprechen, das der Kohleausstieg für die Lausitz bereithält. Doch ein Akteur spielt nicht mit: das Wasser.

Ein Kommentar von Christine Keilholz

Der lange Weg zum Ostsee ist offiziell zu 84 Prozent geschafft. Fehlen also “nur” noch 16 Prozent Wasser, bis der Tagebau Cottbus Nord vollgelaufen ist. So viel zum Wasserstand. Seit Beginn der Flutung 2019 sind 66,9 Millionen Kubikmeter Spreewasser in das Loch geflossen, das einmal der Stolz der Urlaubsstadt Cottbus werden soll. Bis 2030 soll der Ostsee vollgelaufen sein. Der Traum vom Urlaubsglück vor der Haustür rückt näher.

Die ganze Lausitz wird vom Braunkohlerevier zum Urlaubsparadies. Europas größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft lockt mit zwei Dutzend gefluteten Seen und schiffbaren Kanälen. Wer sich noch erinnern kann, dass das vor einigen Jahren mal zwei Dutzend lebensfeindliche Mondlandschaften waren, der bekommt ein Bild davon, was Strukturwandel bedeuten kann.

Allerdings setzt diese hübsche Vision voraus, dass der wichtigste Akteur mitspielt: das Wasser. Doch damit könnte es eng werden. Sagen wir es so: Momentan wäre es für die Lausitz einfacher, an 17 Milliarden Euro Strukturfördermittel zu kommen, als an sieben Milliarden Kubikmeter Wasser. So viel bräuchte es aber nach einschlägigen Schätzungen ungefähr, damit die Lausitz nicht zur Steppe wird – in Zeiten des Klimawandels mit heißen, trockenen Sommern.

Seenland statt Kohlegruben

Steppe klingt nicht gut, also legen wir diesen Gedanken beiseite. Urlaubsregion, das klingt viel schöner. Und ist auch netter und einfacher vorzustellen als etwa eine “Wasserstoff-Region” oder eine “Region für dekarbonisierte Industrie” – all das will die Lausitz ja werden. Bei diesen Plänen hat aber wohl niemand so schöne Bilder vor Augen wie bei “Lausitzer Seenland”. Das weckt Urlaubsgefühle. Das Wasser in den alten Tagebaulöchern ist der sichtbare Beweis, dass sich die Cottbuser Umgebung entwickelt. Aus etwas Hässlichem wird etwas Schönes, etwas Leeres wird gefüllt.

In den vergangenen Jahrzehnten ist auf diese Weise ein Gürtel aus Wasser um die Stadt entstanden. Da gibt es zum Beispiel das „Grünewalder Lauch“, einen der schönsten Badeseen in der Niederlausitzer Heidelandschaft am einstigen Tagebau Plessa-Lauch. Oder den Felixsee mitten im Wald bei Bad Muskau. Die Grube Felix, aus der er hervorging, ist schon seit 1960 Geschichte.

Fünf Stunden Zugfahrt sparen

Das Herzstück der Seenwelt soll der Ostsee mit seinen angepeilten 1.900 Hektar Wasserfläche werden. Der größte künstliche See Deutschlands, das größte Binnengewässer in Brandenburg. So die Idee.

Schon der Name weckt beglückende Gedanken. Wer Ostsee hört und aus dem Osten kommt, der denkt an heiße Nächte im Zelt und an Fußballspiele ohne Hosen. Ostsee-Urlaub, das waren zu früheren Zeiten üppige Frühstücksbuffets im FDGB-Heim mit Dosen-Ananas und Eiersalat  – und Lagerfeuer mit Liedern von Veronika Fischer aus dem Radio. Und heute, in Zeiten des 9-Euro-Tickets für den Nahverkehr, würde so ein Ostsee vor der Haustür bedeuten: fünf Stunden Fahrt in vollen Zügen, die man sich erspart. Im Ostsee verbindet sich die Sehnsucht nach dem schönen Gestern mit der Aussicht auf das schöne Neue.

Ohne Wasser kein See

Nostalgie hat einen Vorteil. Es stört sie nicht, wenn die Realität hinter den hübschen Bildern zurückbleibt. Und das ist leider so: Dem größten Flutungsprojekt der Lausitz fehlt das Wasser. Zwar ist seit 2018 “Flutungsbereitschaft hergestellt“, wie es im trockenen Verwaltungston heißt. Aber ein heißer Sommer reicht, und der Wasserstand sinkt wieder.

Der Ostsee, meinen Kritiker seit Jahren, wäre besser kleiner geworden. Das hätte weniger Wasser gekostet. Es würde weniger Fläche entstehen, auf der das Wasser großzügig verdunstet. Aber es schien einfacher, den kompletten Tagebau zu fluten. So sollte ein innenstadtnahes Gewässer entstehen, das noch dazu „mehrfach nutzbar“ sein soll, wie der Bergbau-Betreiber Leag verspricht.

Der Ostsee offenbart die Lächerlichkeit menschlicher Prozesse, wenn die Natur nicht mitspielt. Dieser Teil des Strukturwandels entzieht sich der Logik von Mittelvergaben und Planungsbeschlüssen. Kein Landesminister kann Druck machen, kein Bundestagsabgeordneter an Strippen ziehen. Selbst das beste Flutungsmanagement versagt, wenn es einfach nicht regnet und die Spree nicht genug Wasser liefert.