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»Das Sorbische wird seit 500 Jahren totgesagt«

»Das Sorbische wird seit 500 Jahren totgesagt«

Bunte Ostereier, Trachten und alte Feste: So wird häufig über die Minderheit der Sorben berichtet. Hella Stoletzki, 26, will das ändern. Sie ist Künstlerin, Filmemacherin und Teil des Kultur- und Kunstkollektivs kolektiw wakuum, ein Netzwerk junger Sorb*innen das Raum für transkulturelle Begegnung schaffen will. Mit sorbischem Techno, Karaoke und Kneipenabenden mit sorbisch-veganer Küche.

Der Bus hat mit Hella über modernes Sorbischsein gesprochen – und darüber, wie schwer auch der Wandel innerhalb der Minderheit sein kann. In einer vergangenen Ausgabe berichteten wir wie die sorbische Community ukrainischen Geflüchteten ein Zuhause werden könnte.

Interview: Friderike Lehmann

Der Bus: Du bist in Berlin geboren und stammst aus einem nicht-sorbischen Elternhaus. Wann bist du das erste Mal mit dem Sorbischen in Berührung gekommen?

Hella Stoletzki: Als ich fünf war, zogen meine Eltern mit mir nach Cottbus. In der Grundschule wurde uns erklärt, dass die Sorb*innen hier siedeln, ihre eigene Sprache und Tradition haben. Wir haben Ostereier bemalt und sind zur Vogelhochzeit gegangen, einem sorbischen Frühlingsfest. Schon als 6-Jährige habe ich verstanden: Das ist etwas Besonderes. Ich hatte auf Anhieb Lust, die Sprache als Schulfach zu belegen und später das Niedersorbische Gymnasium zu besuchen. Es gibt aber noch viel mehr als das, was uns in der Schule über sorbische Kultur erzählt wurde.

Der Bus: Nämlich?

Hella Stoletzki: Als ich in der Schule einen Vortrag halten sollte, bin ich auf sorbische Alternativkultur gestoßen. Die Bands Berlinska Dróha, die Folksamen und Čorna Krušwa zum Beispiel. Das war wie das Tor in eine andere Welt.

Der Bus: Wer sind denn moderne Sorb*innen?

Hella Stoletzki: Das Sorbische setzt sich aus vielen verschiedenen Teilen zusammen. Ich glaube, die Basis dessen ist in erster Linie ein Selbstverständnis: Jede Person ist sorbisch, die sich selbst als sorbisch identifiziert. Es hat nichts mit Nationalität, Religion oder Familie zu tun. Es ist viel freier.

Dazu kommen die sorbische Sprache und die Gemeinschaft. Für mich besteht diese Welt vor allem aus einem Gefühl von Verbundenheit. Ich finde, das gemeinsame Sorbischsein ist etwas unglaublich Schönes, wie ein enormer Kleber.

Es gibt Sorb*innen auf dem Land und in der Stadt. Manche haben sorbisch in der Schule gelernt, andere in der Familie. Es gibt queere, katholische, evangelische und atheistische Sorb*innen, manche sind Nazis, andere Antifaschist*innen. Sorb*innen sind ein gesellschaftlicher Querschnitt, sehr divers, und regional in der Lausitz verortet.

Der Bus: Ich könnte also morgen früh entscheiden, Sorbin zu sein?

Hella Stoletzki: Ja. Die Frage ist natürlich, wie du dich fühlst. Es kann auch sein, dass du übermorgen wieder aufwachst und denkst "Vielleicht lieber doch nicht." Das macht es nicht ganz einfach.

Dieses Selbstverständnis basiert auf dem Gesetz zum Schutz der Sorben, das sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg gilt. Es besagt: Die Identifikation mit dem sorbischen Volk geschieht unabhängig von allem. Darauf beziehe auch ich mich  mit meiner eigenen sorbischen Identität.

Der Bus: Und wenn ich morgen beschließe, Sorbin zu sein, ohne die sorbische Sprache zu lernen?

Hella Stoletzki: Dann bist du eine Sorbin, die nicht sorbisch sprechen kann. (lacht)

Der Bus: Würde die Community mich trotzdem akzeptieren?

Hella Stoletzki: Vielleicht. Du wärst in Gesprächen weniger involviert. Wir sprechen aber meist deutsch, weil es immer Leute gibt, die nicht so gut sorbisch können. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass du ein Interesse für diese Sprache entwickeln würdest. Hier in der Stadt trifft man immer wieder Leute, mit denen man sich auf sorbisch unterhalten kann. Auch wenn manchmal das Verständnis dafür fehlt.

Der Bus: Was meinst du damit?

Hella Stoletzki: Es ist schon vorgekommen, dass ich mich auf sorbisch unterhalten habe und  Leute sagten: Ihr sprecht eure Geheimsprache und redet bestimmt schlecht über uns." Das ist zwar witzig gemeint, aber zeigt eigentlich, dass ein grundlegendes Verständnis dafür fehlt, wie begrenzt die Möglichkeiten sind, sorbisch zu sprechen. Dabei ist hier das Siedlungsgebiet der Sorb*innen und dazu gehört natürlich, dass auch die sorbische Sprache gesprochen wird.

Der Bus: Welche anderen Vorurteile gegenüber Sorb*innen begegnen dir?

Hella Stoletzki: Das Sorbische wird oft nur als Folklore wahrgenommen, fast schon als etwas Exotisches und häufig als nicht anschlussfähig betitelt. Die einseitige mediale Darstellung verstärkt diesen Eindruck. Beispielsweise wird im Fernsehen häufig nur gezeigt, wie die Sorb*innen jährlich Ostereier bemalen. Obwohl ich nicht sagen möchte, dass das nicht auch spannend sein kann. Aber es ist eben kaum eine diverse Berichterstattung. Die sorbische Welt ist aber deutlich diverser als sie wahrgenommen wird.

Der Bus: Verändert sich die Wahrnehmung gegenüber Sorb*innen?

Hella Stoletzki: Auf jeden Fall. Was ich in meinem Freund*innenkreis erlebe, unterscheidet sich stark von dem, was mein Vater in seiner Generation erfahren hat. Immer mehr Menschen sind dem Sorbischen gegenüber aufgeschlossen und interessiert. Wir sind eine neue Generation von sorbischen Kunst- und Kulturschaffenden sind. Vor uns gab es eine Lücke, denn zu Wendezeiten haben sich die Leute mit anderen Dingen auseinandersetzen müssen, als der sorbischen Kultur.  Das stellt man auch beim Sorbischen Künstlerbund fest: Denen fehlt es an jungen Leuten. Mit dem Künstler*innenkollektiv kolektiw wakuum wollen wir diese bestehenden Strukturen in Cottbus nutzen und die Menschen wieder näher zusammenzubringen.

Der Bus: Wie stellt ihr das an?

Hella Stoletzki: Wir versuchen die Narrative zu verändern: Weg vom abgetrennten musealen Bild der Sorb*innen hin zu einem gemeinsamen Zusammenleben, in dem die unterschiedlichen Welten miteinander verbunden sind. Unser übergeordnetes Ziel ist eine diverse sorbische kulturelle Welt mit mehr Räumen für und Präsenz von Sorb*innen.

Der Bus: Wie genau wollt ihr diese Welten miteinander verbinden?

Hella Stoletzki: Ich habe vergangenes Jahr meine Werke in der Galerie Fango ausgestellt. Zur Eröffnung ist ein sehr gemischtes Publikum gekommen: Menschen, die normalerweise in die Galerie Fango gehen, sind dadurch zum ersten Mal mit sorbischen Bildwelten in Berührung gekommen. Und Sorb*innen, die zum ersten Mal in der Fango waren. Die Menschen stellten fest, dass es gemeinsame Interessen gibt. Das eröffnete neue Perspektiven.

Wir merken, dass wir mit unseren Ideen viele offene Türen einrennen. Sorbische Institutionen laden uns uns zu Veranstaltungen ein. Demnächst veranstalten wir eine sorbische Karaoke-Party.

Der Bus: Woran liegt es, dass das die Vielfalt der Sorb*innen so wenig wahrgenommen wird?

Hella Stoletzki: Neben der einseitigen medialen Darstellung gibt es auch interne Faktoren, wie: Welche Strukturen herrschen vor? Wie sind Jugendclubs organisiert? Welche Anschlussmöglichkeiten gibt es, wenn man in der Stadt groß wird? Dort ist der einzige Berührungspunkt mit dem Sorbischen für junge Menschen häufig die Schule. Deswegen versuchen wir mit dem kolektiw wakuum diesen übermäßig starken Fokus auf die Traditionen Stück für Stück zu verändern, indem wir neue, alternative Räume schaffen. Ich glaube allerdings, weil wir so wenige sind, findet die Veränderung langsamer statt. Das gilt auch für patriarchale Strukturen unter Sorb*innen.

Der Bus: Wie meinst du das?

Hella Stoletzki: Ein Beispiel ist das Thema Gendern. Das bekommt in der deutschen Sprache viel mehr Aufmerksamkeit. Im Sorbischen und Wendischen fängt die Debatte erst langsam an, und die Grammatik macht es ein bisschen schwieriger als im Deutschen. Bei den traditionellen, sorbischen Bräuchen sind die Rollen sehr geschlechterspezifisch aufgeteilt: Während die Männer in der Oberlausitz an Ostern auf festlich geschmückten Pferden reiten, nehmen am Ostersingen in der Niederlausitz nur dir Frauen und Mädchen teil. Es gibt durchaus die Bestrebungen, das zu verändern, aber viele sorgen sich auch, dass dass damit fundamentale Dinge verloren gehen könnten.

Der Bus: Wie siehst du das?

Hella Stoletzki: Ich glaube, es wird sich lohnen, Bräuche und Traditionen neu zu denken. Das Sorbische wird seit 500 Jahren ständig totgesagt, die Gefahr sehe ich nicht.  Auch wenn die Veränderung also ihre Zeit braucht: Die haben wir.