6 min read

Dream big, Cottbus

Dream big, Cottbus
Der Planet Ostsee | Foto: Jörg Peter Rademacher

Wie wird Cottbus in der Zukunft aussehen? Wir wissen es auch nicht. Aber träumen und spekulieren können wir. Unser Autor Christian Gesellmann hat sich ins Jahr 2050 versetzt - und (s)eine Utopie aufgeschrieben.

Als ich Mina Watkojc zum ersten Mal traf, es war zum Frühlingsbeginn des Jahres 2022, erwartete sie mich auf einer Holzbank vor ihrem Häuschen in Merzdorf. Sie trug eine geblümte Schürze und hielt eine Taube in ihrem Arm. Die beiden schienen zusammen zu gehören, Mina und die Taube, mit geschlossenen Augen saßen sie da und ließen sich von der Sonne lustige Bilder auf die Lider malen.

Mina hatte zehn Science-Fiction-Romane auf Niedersorbisch veröffentlicht, sie alle waren fast gänzlich unbelästigt von Leser:innen und Kritiker:innen geblieben. Unberührt lagen sie in den Regalen der Smoler’schen Buchhandlung in Bautzen und der Lodka in Cottbus, während ich Minas knarzendes Gartentor aufstieß. Niemand hätte sich träumen lassen, dass sich allein die Chóśebuz-Trilogie von Mina Watkojc aus Merzdorf eines Tages rund 20 Millionen mal verkauft haben würde – Stand 1. Quartal 2050.

Ich will jetzt nicht so tun, als hätte ich damals etwa geahnt, dass diese zu der Zeit schon beinah 70-jährige Frau einmal den Literaturnobelpreis gewinnen würde. Hätte mir das damals jemand gesagt, ich hätte ihm den Vogel gezeigt. Hätte derjenige erwähnt, dass Mina in der New York Times, im Spiegel, im Guardian usw. landen würde, dass sie auf der ganzen Welt gelesen und bewundert, eine "Jules Verne der Lausitz" genannt werden würde – na ja, ich wäre hoffentlich nicht zu ausfallend geworden gegenüber einem solchen Spinner.

Es begann mit dem Ostsee…

Eigentlich hatte ich, der damals ein auch nicht mehr ganz frischer Reporter für das völlig unbekannte Cottbuser Magazin "Der Bus" war, Mina nur wegen des Ostsees besucht, nicht wegen ihrer Bücher, die ich eh kaum kannte. Den Ostsee konnte man von Minas Häuschen aus damals schon sehen – zwar nicht die Wasseroberfläche, denn noch war der See nur ein gigantisches ehemaliges Tagebauloch, das langsam mit Spreewasser voll lief, aber den Merzdorfer Aussichtsturm gab es damals auch schon.

Mina hatte den See in ihren Romanen prophezeit, schon in den 1980ern, als es dafür noch gar keine Pläne gab. Ich fand das witzig. Konnte ich denn wissen, dass ihre anderen Science-Fiction-Träumereien sich in den kommenden Jahrzehnten ebenfalls erfüllen würden? Vieles sogar unfassbar detailgetreu, wie die kryogenen Silizium-Optiken, die heute in Gallinchen, oder die Halbleiter-Sensoren, die in Ströbitz produziert und in Computern, Flugzeugen, Radioteleskopen und Kameras auf der ganzen Welt eingesetzt werden.

Eine Lausitz mit Weltraumbahnhof und Flugtaxis?

Als aus dem Tagebau am Cottbuser Stadtrand noch jährlich 200.000 Kohlezüge gerattert kamen, erträumte Mina schon eine futuristische Lausitz, so abgehoben, dass sich nicht mal die Stasi darum scherte.

Mina sah eine Lausitz mit Weltraumbahnhof voraus, und mit Gravitationswellenteleskop, verborgen tief unter der Erde im Granitstock, mit zwei 30 Kilometer langen Armen. Monat für Monat produziert es 30-mal so viele Daten wie das gesamte Internet zusammen. Hier machen die besten Astrophysiker:innen der Welt nach ein paar Jahren unter Tage DIE Entdeckung des Jahrtausends: der Mensch lernt, Energie aus Schwarzen Löchern im Weltraum zu ziehen. Gas aus Russland? Öl aus Katar? Windräder, Solarzellen, Atomkraft? Braucht kein Mensch mehr!

Spremberg mit einem Datenverarbeitungszentrum größer als in Shenzhen. Cottbus mit Hafen und Seilbahn und einer halben Million Einwohnern. Ein Cottbus, durch das Flugtaxis und Drohnen surren, angetrieben von Batterien aus Schwarzheide, wo der größte und effizienteste Hersteller der Welt sitzt. Der größte Chiphersteller der Welt nicht weit weg, in Magdeburg. Die größte E-Autofabrik der Welt in Grünheide, noch näher. Die zweitgrößte in Zwickau, ein Katzensprung mit den neuen Zugverbindungen. In dieser Zukunft fahren wir in vier Stunden mit dem Zug von Cottbus nach Odessa! Und mit der U-Bahn zum Altmarkt! Und so weiter.

Binnen weniger Jahrzehnte wird Ostdeutschland zu einer der reichsten Industrieregionen der Welt, ihr Herz schlägt, ihr Hirn sitzt… in Cottbus. Eine Explosion des Wissens, der Künste, des Handwerks. Boom.

Ich war mir damals, im Jahr 2022, nicht ganz sicher, ob ich eine Verrückte treffen würde oder eine Heilige. Beides war wohl wahr.

Kohle statt Meer – Das alte Cottbus

Im Jahr 1980 hatte die gelernte Gärtnerin Mina Watkojc ihren ersten Science-Fiction-Roman geschrieben. Darin liegt Cottbus am Meer. Er war in Episoden in der sorbischen Zeitschrift Rozhlad erschienen, danach vom Domowina-Verlag veröffentlicht, und sogleich vergessen worden. Es handelt sich natürlich um den heutigen Bestseller "Blaue Gestade".

Nur kurz zur Erinnerung  – heute scheint es kaum mehr vorstellbar: 1980, also vor gerade einmal 70 Jahren, war Cottbus eine Stadt mit 120.000 Einwohnern, umgeben von Gestank und klaffenden Wunden in der Natur; eine Stadt, für die weder die Kommunisten, noch später die Christ- oder Sozialdemokraten auch nur 70 Kilometer Schienen verlegen wollten, um sie mit der Hauptstadt Deutschlands zu verbinden; eine Stadt, aus der zehntausende Menschen wegziehen würden und in der das Sorbische so gut wie vergessen war. Als im Jahr 2019 das Aus der Kohle, der hier seinerzeit wichtigsten verbliebenen Industrie, beschlossen wurde, betrachteten viele Menschen die Region als komplett erledigt.

Sicher, heute vergeht kein Tag, ohne dass Cottbus in den Medien erwähnt wird, weil es wieder einmal eine spektakuläre Entdeckung des mächtigen Einstein-Teleskops zu melden gibt, oder das nächste Elektrofrachtflugzeug aus den Hallen des Cottbuser Instituts des DLR in die Hände einer großen Airline übergeben wird. Aber es ist noch nicht so lang her, da hörte man in Deutschland eigentlich nur dann irgendwas von Cottbus, wenn die lokalen Rechtsextremen mal wieder ihr Unwesen trieben.

Im Bann der Prophetin…

Als die Flutung des heutigen Ostsees damals im Jahr 2020 begann, erinnerte sich jemand im Domowina-Verlag an dieses seltsame Buch von einer gewissen Mina Watkojc aus der DDR-Zeit, und veröffentlichte es erstmals in deutscher Übersetzung: "Blaue Gestade". Ich denke nicht, dass damals im Domowina-Verlag jemand daran glaubte, dass Mina die bedeutendste Schriftstellerin ihrer Zeit wird. Ich bin mir relativ sicher, man hielt sie für eine nette alte Dame, die Tauben züchtete und zwischen 1980 und 1994 einfach zehn völlig verrückte sorbische Science-Fiction-Romane geschrieben hatte. Im Jahr 2022 waren gerade einmal 250 Exemplare der deutschen Übersetzung von "Blaue Gestade" verkauft worden, und eines dieser Exemplare landete zufällig auf meinem Schreibtisch.

Mit einem Zettel voller halbgarer Fragen betrat ich Minas Garten. Ich kann gar nicht beschreiben, wie es ist, heute, im Jahr 2050, meine Notizen von damals noch einmal zu lesen. Trotz aller Peinlichkeit, so ungefähr lief also mein erstes Gespräch mit Mina:

Warum haben Sie denn damals (1980) auf sorbisch geschrieben?
Sieze mich doch bitte nicht, Junge. Ich sitze hier in Kittelschürze.

Okay. Warum haben…hast du denn 1980 auf sorbisch geschrieben? Fast niemand sprach oder las damals in dieser Sprache, selbst die Artikel in der Rozhlad waren fast alle auf Deutsch.
Eben deshalb. Weil niemand sonst auf Sorbisch schrieb.

Wie bist du denn auf die Idee gekommen, dass Cottbus einmal am Meer liegen könnte?
Es ist eine schöne Idee, findest du nicht?

Doch natürlich. Aber so ungewöhnlich. In der sorbischen Literatur gibt es so viele Naturbilder. Meist ist das Meer darin aber etwas Bedrohliches.
Das stimmt, das hast du schön gesehen. Immer brandet es um uns herum, das tosende Meer, und will uns von der rettenden Insel herunterspülen. Ich fand, das ist unfair dem Wasser gegenüber. Wasser ist Leben. Ich wollte ein Meer beschreiben, das zu uns kommt, ganz langsam, damit wir die Füßchen reinstecken und uns erfrischen können. Ein Meer, auf das wir uns freuen.

Ist denn der Ostsee nicht ein wenig enttäuschend für dich? Schließlich ist er kein Meer.
Junge, frag doch nicht so dummes Zeug.

In deinem Buch beschreibst du eine Lausitz der Zukunft, die eine Art technologisches Zentrum der Weltwirtschaft ist  –  wie kommst du auf solche Ideen?
Junge, ich weiß doch auch nichts. Ich bin eine alte Frau, die ihr Leben lang in der Erde rumgebuddelt hat. Aber ich weiß, dass es irgendwann eine Zukunft gibt ohne mich. Nun bin ich ja aber ein Mensch, und kein Granitstock. Ich weiß auch nicht warum, aber ich denke nun mal an die Zukunft. Es ist wie die Sache mit dem Ostsee: Wenn man es sich einmal vorgestellt hat, dann ist es eine Möglichkeit, wie die Zukunft werden könnte.

Achja. Mina, ich werde sie vermissen. Ich habe mit ihr nur noch selten über das Schreiben geredet, oder über die Zukunft, obwohl ich jeden Monat wieder kam, um ein bisschen mit ihr im Garten zu sitzen. Meistens redeten wir über ihre Tauben. Mina züchtete Lausitzer Purzler. Die Tauben dieser Rasse purzeln im Flug, sie überschlagen sich. Sie gehören zu den ältesten deutschen Taubenrassen, denn sie stammen, und das ist Minas Lieblingsgeschichte, "von besonders stark purzelnden Tieren des indischen Kaisers Akbar I. (1542–1605) ab".

Trotz dieser adeligen Abstammung wurden auch Minas besonders schöne Blaufahl-geelsterten Lausitzer Purzler später beinahe zum Opfer des Kalten Krieges. Aber das jetzt noch zu erzählen, würde wohl den Rahmen dieses Nachrufes sprengen. Andererseits hätte Mina das richtig gut gefunden, "einen Nachruf zu sprengen". Lausitzer Purzler, die beinah ausgestorben waren, sind heute jedenfalls die Tauben mit der besten Fluggewandtheit und Startgeschwindigkeit. "Man braucht feste Wurzeln, um gut zu purzeln", hat Mina mal gesagt und sich halb tot gelacht.

In der Nacht zu gestern, dem 24. März 2050, ist sie im Alter von 97 Jahren friedlich entschlafen.