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„Egal wo, ich hole Dich ab“

„Egal wo, ich hole Dich ab“
Mahnwache auf dem Altmarkt - Menschen aus Cottbus und der Ukraine berichten. |Foto: Friderike Lehmann

Lange war kein Krieg mehr so nah an Cottbus wie dieser. Viele Menschen in der Stadt haben Beziehungen zu Russland oder der Ukraine. Immer öfter wird daraus handfeste Hilfe.  Die Cottbuserin Marina fuhr kurzerhand nach Polen, um ihre ukrainische Freundin Anna abzuholen. Die beiden Frauen haben uns ihre Geschichte erzählt.

von Christiane Keilholz

Anna ist in Cottbus angekommen. Endlich in Sicherheit, das ist erstmal ein gutes Gefühl. Falls es so etwas wie Sicherheit und gute Gefühle in diesem Moment überhaupt geben kann. Tausend Kilometer weiter fallen Bomben auf die Stadt, in der Anna noch vor einer Woche gelebt hat. Auf ihr Zuhause.

Anna ist 29, Ukrainerin – und irgendwie auch Cottbuserin. Hier ist sie zur Schule gegangen, nachdem ihre Mutter einen Deutschen geheiratet hatte. In Cottbus war Anna Kind und Jugendliche. Später lebte sie in Kirowohrad, einer ukrainischen Stadt, die doppelt so groß ist wie Cottbus, und zuletzt in der Hauptstadt Kyjiw – die ist 30-mal so groß. Der Krieg in der Stadt traf sie, trotz aller Vorahnungen, überraschend. Zwei Tage nach der Kriegserklärung durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin wurde Kyjiw zur Zielscheibe. „Das Ganze ist einfach nur verrückt, dass einer sagen kann, er erobert jetzt ein Land“, sagt Anna. Es fühle sich an, als sei sie im Mittelalter aufgewacht.

Der Krieg ist jedoch schon seit Jahren auch ein Teil von Annas Gegenwart. Seit 2014 herrscht ein bewaffneter Konflikt mit Russland in den Gebieten Donezk und Lugansk. Für Anna war das weit weg. Wie viele Ukrainer hatte sie gelernt, damit zu leben. Doch vor einem Monat änderte sich das – Putins aggressive Pläne wurden bekannt, die ukrainische Regierung sprach Warnungen aus. Anna bekam Angst. Die Ukraine war ihr Land. Das Land, in dem sie leben wollte. Ein Land auf dem Sprung in eine bessere Zukunft. Die Straßen haben Schlaglöcher, aber Kyjiw ist eine europäische Metropole mit hoher Anziehungskraft für junge, engagierte Leute. Anna arbeitet als Lehrerin in einem Sprachzentrum – hat gearbeitet. Am Donnerstag nach der Kriegserklärung hat sie die Stadt verlassen.

Nach einer grauenvollen Nacht voller Sirenengeheul war ihr klargeworden: Jetzt reicht es nicht mehr, sich einen Bunker zu suchen und den Kühlschrank mit Vorräten zu füllen. Jetzt muss sie weg. Anna und ihre Freundin packten ihre Rucksäcke. Ein Auto haben sie nicht, also machten sie sich per Anhalter auf den Weg. Überall waren „Kriegsgeräusche“, wie Anna sagt. Zwei Tage dauerte die Reise der zwei Frauen ins rettende Polen. Auf dem Weg rief Anna in Cottbus an – bei ihrer Freundin Marina. Die kennt sie aus ihrer Schulzeit. Marina sagte: „Komm an die Grenze. Egal wo, ich hole Dich ab.“ Anna war erleichtert, sie hatte einen Plan.

Am Grenzübergang standen Menschen in langen Schlangen. Es war bitterkalt. Die Menschen zitterten, so wie es Anna nie zuvor gesehen hat. Viele Ehrenamtliche von polnischer Seite waren dort, Freiwillige verteilten Decken und Suppe, andere fragten: „Wo wollt ihr hin? Nach Warschau, nach Berlin? Wir fahren Euch.“ Das berührt Anna noch immer. „Was die Menschen dort leisten, ist unglaublich.“

Die Tage seit ihrer Ankunft in Cottbus hat Anna hauptsächlich am Telefon verbracht. Wie es für sie weitergeht, weiß sie noch nicht. Vorerst ist sie in Marinas Wohnung untergekommen. Hier verfolgt sie pausenlos die Nachrichten. Zur Ruhe kommt sie nicht. Sie hat gehört, dass Bomben auf die Stadt Shitomir fliegen. Dort haben sie auf der Flucht für eine Nacht bei den Eltern ihrer Freundin übernachtet. Die wollten nicht weg. Das wollen viele nicht. Ein Onkel von Anna hat sich zur Armee gemeldet und wird wohl bald eingezogen. Annas Großmütter sind noch im Land, dazu Tanten, Nichten und Neffen. Was wird aus ihnen? Anna will sie überzeugen, zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Doch die Familie will ihre Heimat nicht verlassen.

Marina Bussmann hat aufreibende Tage hinter sich. Eine Nacht hat sie an der Grenze von Polen zur Ukraine im Auto geschlafen. Spät am Sonnabend kam sie dort an, um auf Anna zu warten. „Ich habe Bilder gesehen, die sind unvorstellbar“, sagt die Cottbuserin. Ein Bus voller Kinder machte dort Station, das älteste Kind war vielleicht zehn Jahre alt. Marina sah Menschen, die sich nach langen Fußmärschen zur Grenze durchgeschlagen hatten, mit nichts als Rucksäcken und Tüten dabei. Marina suchte die vorbeiziehenden Menschenströme ab. Wo ist Anna? „Komm an die Grenze. Egal wo, ich hole Dich ab“, hatte Marina ihrer Freundin am Telefon gesagt.

Marina Bussmann ist 65 und, was menschliche Not betrifft, einiges gewohnt. Viele Jahre lang hat sie in der Cottbuser Stadtverwaltung die Aufnahme von Geflüchteten organisiert. Sie hatte zu tun mit Menschen, die sich vor Tod und Zerstörung retten konnten. Diesmal ist der Krieg näher. Marina war selbst schon mehrmals im Urlaub in der Ukraine, sie hat Freunde dort. Als sie vom Angriff auf Kyjiw hörte, dachte sie sofort an Anna, die junge Ukrainerin, die einst ihre Schülerin in Cottbus gewesen war.

Marina merkte schnell, dass sie nicht die Einzige ist, die helfen will. Auf einer Mahnwache auf dem Cottbuser Altmarkt am 24. Februar waren fast 100 Leute. Gewerkschaften waren dabei, stadtbekannte Politikerinnen und Politiker, auch die Jugendorganisationen mehrerer Parteien. Gleich dort entstanden Pläne, praktisch zu helfen. Viele, die dort waren, kannten jemanden, der betroffen ist. Es fanden sich schnell Trupps zusammen, die Hilfstransporte organisierten. Marina fand auch gleich eine Mitfahrerin, die sie zur ukrainischen Grenze begleiten wollte.

Am Sonnabend früh fuhren die beiden Frauen los, nach Polen zur Grenze. Den Kofferraum voll mit Dingen, die die flüchtenden Menschen dringend brauchen: Essen, Trinken, Windeln. Eine ganze Nacht mussten sie warten an der Grenze. Morgens um acht Uhr sah Marina sie dann endlich in der Menge: Anna und ihre Freundin. Erschöpft, aber erleichtert. Marina lud die beiden ins Auto. Den freien Platz bot sie einer älteren Frau an.

Jetzt muss Marina viel daran denken, dass sie noch im August in Kyjiw im Urlaub war. Auch Russland hat sie bereist, sie hat Freunde und Bekannte auf beiden Seiten der Front. Ein Satz aus der Schulzeit geht ihr nicht mehr aus dem Kopf: „Die Völker der Sowjetunion leben in Frieden und Freundschaft zusammen.“ Davon scheint in diesem Augenblick nichts mehr übrig.